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ded
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17. Sep 2019 15:55
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ded 1 day ago

"Attentäter im Netz
Online-Subkultur des Hasses

Stand: 14.08.2019 14:53 Uhr

Christchurch, Poway, El Paso, Bærum: Die Attentäter kündigten ihre Taten in Online-Foren an. Ihre Opfer werden in einem Highscore gezählt. Experten sprechen von einer radikalen Subkultur.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Der Angriff auf die Moschee im norwegischen Bærum hätte möglicherweise verhindert werden können. Zumindest hatten die Sicherheitsbehörden einen "vagen" Hinweis auf Anschlagspläne des mutmaßlichen späteren Täters erhalten, wie Norwegens Inlandsgeheimdienst PST einräumte. Diesem Hinweis sei man aber nicht nachgegangen. Er habe keine konkreten Anhaltspunkte für einen bevorstehenden Anschlag enthalten.

Mit mehreren Waffen war ein 21-Jähriger am Samstag in die Al-Noor-Moschee in Bærum bei Oslo eingedrungen. Dort gab er zwar mehrere Schüsse ab, wurde aber von einem 75-Jährigen überwältigt. Schwerer verletzt wurde niemand. Später fand die Polizei in der Wohnung des Verdächtigen die Leiche seiner 17 Jahre alten Stiefschwester, weshalb sich der Mann auch wegen Mordes verantworten muss.

Kurz vor dem Angriff auf die Moschee schrieb er in einem Forum, dass seine Zeit gekommen sei. Der Attentäter von Christchurch habe ihn auserwählt, den "Rassenkrieg" weiterzuführen.

Tatankündigungen in Online-Foren

Auch der Christchurch-Attentäter hatte seine Taten in einem Forum angekündigt, genauso wie die jungen Männer, die in El Paso und Poway losschlugen. Sie alle posteten auf dem Online-Forum "8chan", das bis zu seiner Abschaltung dafür bekannt war, Inhalte nicht zu löschen. Ein Ruf, der es bald zum Sammelbecken für Rassisten und gewaltbereite Nationalisten machte. Foren wie "8chan" sind sogenannte Imageboards. Geteilt werden dort vor allem Memes, also Bilder und Äußerungen, die sich wiederholen und meist ironisch zu verstehen sind.

"8chan" sei zum "Megafon für Killer" geworden, sagte Forumsgründer Frederick Brennan der "New York Times". Er hatte "8chan" 2016 verlassen und forderte zwischenzeitlich die Abschaltung der Seite. Mittlerweile ist "8chan" offline, nachdem ihm der IT-Sicherheitsdienstleister Cloudflare seine Leistungen verweigert hatte.

Viele User wechselten nach der Abschaltung beispielsweise zum ähnlich aufgebauten Forum "Endchan", wo schließlich der Attentäter von Baerum seine Tat ankündigte. Ähnliche Foren existieren auch auf der Gaming-Plattform Steam, wo das Attentat von Christchurch gefeiert wurde.

Auf einer Wikipedia nachempfundenen Seite gibt es einen "Highscore" für Attentäter. Angeführt wird dieser von Anders Breivik. Bei seinen Anschlägen in Oslo und der Insel Utøya im Jahr 2011 tötete er 77 Menschen.

Spezifische Sprache erschwert Ermittlungen

Auch David Sonboly, der 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen und schließlich sich selbst erschoss, hatte im Internet Hinweise auf seine Tat gegeben. Wie unter anderem Recherchen des ARD-Politikmagazins FAKT zeigten, gab es im Vorfeld Ermittlungen in Sonbolys Umfeld. Ein Fahnder des Zollkriminalamtes hatte offenbar sogar Kontakt mit Sonboly, als dieser sich eine Waffe im Darknet kaufen wollte. Verhindert wurde die Tat trotzdem nicht.

Eine Schwierigkeit für Behörden im Umgang mit dieser Art Täter sieht der Politikwissenschaftler Florian Hartleb darin, ernst gemeinte Ankündigungen von in den Foren gängigen zynischem Humor abzugrenzen. Hartleb war im Fall des OEZ-Attentats Gutachter für die Stadt München. Gegenüber tagesschau.de sagte er, es mangele den Behörden oft am Verständnis der Sprache und der Lebenswelt dieser Foren. Bei vielen Fällen hätte es Spuren im Netz gegeben - Spuren, denen Ermittler stärker nachgehen müssten.

Diese würden sich jedoch häufig immer noch zu sehr auf das analoge Umfeld Verdächtiger richten. "Wenn das Leben zu 70 Prozent im virtuellen Raum stattfindet, dann muss natürlich auch der Schwerpunkt der Ermittlungen auf dem virtuellen Raum liegen." In Foren könnten sich - vor allem junge Männer - darüber austauschen, wie Anschläge am besten durchzuführen seien, welche Ziele "geeignet" erscheinen und wie man am einfachsten an eine Waffe komme. Sie seien Teil einer Online-Subkultur, meint Hartleb.

Gemeinsame Ideologie

Hartleb verweist aber auch darauf, dass es Bezüge zur nicht-virtuellen Welt gebe. Zu Organisationen und Ideologien, wie etwa der Idee der "Umvolkung" des Franzosen Renaud Camus: eine Verschwörungstheorie, nach der eine Elite an einem Bevölkerungsaustausch zu Ungunsten der "weißen" Bevölkerung arbeite.

Camus' Schriften erschienen in Deutschland im rechten Verlag "Antaios" und wurden nicht zuletzt von Akteuren wie der "Identitären Bewegung" propagiert. In der "neuen Rechten" ist die Idee heute weit verbreitet. Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College spricht sogar von einem "Master-Narrativ", das als Motivation für das Attentat von El Paso diente.

Eine weitere Gemeinsamkeit sind Männlichkeitsideologien, wie sie etwa Breivik in seinem Manifest vertreten hatte. Ihnen komme eine besondere Funktion zu, schreibt die Soziologin Franziska Schutzbach im Onlineportal "Geschichte der Gegenwart": Die Idee der Wiederaneignung dominanter Männlichkeit wirke bei Vielen wie eine Einstiegsdroge für rechtsnationale Weltanschauungen.

"Vom Feindbild eines angeblich grassierenden 'Feminismus', der Männer klein halte, ist es ein kleiner Schritt zu der Vorstellung, die Verweichlichung des westlichen Mannes führe zur Schwächung nationaler Souveränität und zur baldigen Machtübernahme durch Muslime."

Zunehmende Beobachtung durch Behörden

Die Behörden reagieren auf zunehmende Bedrohungen im Netz. Das Bundeskriminalamt erklärte auf Anfrage, dass die jüngsten Anschläge "zu keinen Resonanztaten in Deutschland" geführt hätten. Es sei aber möglich, dass "eine entsprechende Aufbereitung in einschlägigen wie auch öffentlichen Medien" eine emotionalisierende Wirkung auf fremdenfeindlich motivierte Einzeltäter entfalten könne. Die Beobachtung von Inhalten im Internet werde ständig optimiert und intensiviert.

Zuletzt hatte der Präsident der Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, nach dem mutmaßlichen Mord an dem Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke von einer Aufheizung der Situation im Netz gesprochen und mehr Personal gefordert.

Der Hamburger Innensenator Andy Grote hatte im Juli angekündigt, künftig "Cyber-Nazijäger" einzusetzen, die Strukturen von Rechtsextremen aufdecken sollen. In Nordrhein-Westfalen gibt es seit dem vergangenen Jahr ein Sonderdezernat bei der "Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime" der Staatsanwaltschaft Köln. Es verfolgt Fälle politisch motivierter Hassrede im Internet."
www.tagesschau.de/faktenfinder/online-subkultur-103.html